Scenes from a Marriage

Marimekko and corduroys in Dresden.

Scenes from a Marriage

Marimekko and corduroys in Dresden.

Staatsschauspiel Dresden
9 Sep 2016 — 18 Mar 2017
Dresden, Germany

Interview in German with Professor Erik Hedling.

Interview with Erik Hedling, Professor of Film Studies at the Swedish University of Lund and Ingmar Bergman expert. Conducted by dramaturge Michael Isenberg.

Die Mysterien des Gefühlslebens

Mit „Szenen eine Ehe“ (1973)  gelang Ingmar Bergman der internationale Durchbruch als Regisseur und Autor. Es heißt, allein in seiner Heimat Schweden hätten 3,5 Millionen  Menschen die vorletzte Episode im Fernsehen verfolgt, also umgerechnet die Hälfte des ganzen Landes. Wie konnte es zu diesem Erfolg kommen?

Zu dieser Zeit war Bergman sehr berühmt in Schweden, aber die meisten Menschen hatten Schwierigkeiten, seine Filmsprache zu verstehen. Seine Theaterproduktionen am Königlichen Dramatischen Theater in Stockholm waren nur einem kleinen Elite-Publikum zugänglich. „Szenen einer Ehe“ änderte alles. Die Serie präsentierte eine Geschichte – eine Ehe, die auseinander bricht – zu der sich viele Menschen in Beziehung setzen konnten. Stil und Narration waren einem großen Publikum unmittelbar zugänglich. Bergman entwickelte sich – zu seiner eigenen Überraschung – zu einem populären Künstler. 

Wie aktuell war das Thema Ehe und Scheidung zu dieser Zeit?

Die frühen 1970er-Jahre repräsentierten in Schweden eine Zeit, in der die traditionelle Ehe ideologisch in Frage gestellt wurde von neuen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Zahl der Ehen nahm stetig ab – 1966 waren es noch rund 60.000, 1973 nur noch knapp 40.000. Die Zahl der Scheidungen stieg im gleichen Zeitraum von 10.000 auf 16.000. 1974, nach der Ausstrahlung von „Szenen einer Ehe“ und der Einführung neuer Ehegesetze in Schweden, schoss die Anzahl der Scheidungen auf 26.000.  Der gesellschaftliche Kontext ist meines Erachtens sehr wichtig für den enormen Erfolg von „Szenen einer Ehe“ – nicht nur in Schweden, sondern überall.

Wie stark ist die Geschichte autobiographisch geprägt?

Bergman entwarf die männliche Hauptfigur in vielerlei Hinsicht als Repräsentation seiner selbst. Er bemühte sich dabei um eine Autokorrektur seiner früheren patriarchalen Tendenzen, wie er sie zum Beispiel in der sympathischen Figur des Doktors und Frauenhelden in „Eine Lektion in Liebe“ (1954) gezeichnet hatte. Viele von Johans Monologen reflektieren frühere Charaktere in Bergmans Filmen, aber hier sind sie ironisch gebrochen, Johan ist letztendlich ein Verlierer-Typ. Es finden sich auch direkte Anspielungen auf autobiographische Geschichten, so beispielsweise in der Episode, in der Johan seine Frau auf brutale Weise verlässt und nach Paris geht. Hier klingt Bergmans Beziehung mit Gun Hagberg und seine Trennung von Ellen Bergman, Mutter drei seiner Kinder, im Jahr 1949 an.

In den 70ern wurde Bergman massiv angegriffen von verschiedenen Journalisten, Vertretern der Studentenbewegung und Feministinnen. Inwiefern war „Szenen einer Ehe“ eine Reaktion auf diese neuen politischen Strömungen?

Die Serie entstand in einer turbulenten Zeit, in der sich schrittweise die Geschlechterrollen in Schweden änderten.  Ich denke, „Szenen einer Ehe“ war stark beeinflusst von Bergmans Ansichten über den entstehenden Feminismus – das heißt, Bergman begann von seinem stark konservativen Ausgangspunkt aus den gesellschaftlichen Wandel zu akzeptieren. Man kann von einer feministischen Entwicklung der Narration sprechen, da Johan nach und nach als eine maßgeblich tragische Figur gezeichnet wird – seine patriarchalen Ansichten klingen abgestanden, seine akademische Karriere stellt sich als eine Niederlage heraus, seine Beziehung zu einer viel jüngeren Frau als er selbst, wird zu einer Katastrophe. Im Gegensatz dazu ist Marianne am Ende sehr erfolgreich – in ihrem Beruf und auch privat.

Einer der wichtigsten Sätze des Textes, die Bergman auch in vielen Interviews zitierte, lautete: „Gefühlsmäßig sind wir Analphabeten.“ Inwiefern war „Szenen einer Ehe“ ein Vorreiter darin, Gefühle zu artikulieren?

Die Serie dreht sich nur um Emotionen, beispielhaft gezeigt an zwei Menschen in Extremsituationen. Die Dramaturgie war für das Fernsehen bahnbrechend – für eine Serie, die insgesamt fünf Stunden umfasst und sich größtenteils nur auf die emotionalen Reaktionen von zwei Menschen konzentriert. Wie ich Bergman verstehe, interessierte er sich immer für Emotionen als den größten Einfluss auf das menschliche Handeln im Gegensatz zu rationaler Entscheidungsfindung. Hierher rührt auch die Ironie, mit der Bergman Wissenschaft und Medizin in seinen Filmen zeigt. Auch Johan wird ja in der Serie vorgestellt als ein gescheiterter Forscher am „Psychotechnischen Institut“.

Es gibt verschiedene Hinweise darauf, dass die inneren Konflikte von Johan und Marianne in ihrer Kindheit und in ihrer Beziehung zu ihren Eltern liegen. Aber Bergman zeigt nur wenig Interesse an den beiden Kindern von Marianne und Johan. Gibt es eine Erklärung hierfür?

Die einzige Erklärung, die ich habe, ist, dass Bergman zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere wenig über das Schicksal von Kindern in einer unglücklichen Ehe nachgedacht hat. Bergman hatte zu dieser Zeit ein schlechtes Image als Vater von neun Kindern aus verschiedenen Ehen. In der Serie sind die Kinder bloß für ein paar Sekunden am Anfang zu sehen. In seinen späteren Werken erkannte Bergman, dass diese Leerstelle ein Fehler war. In „Fanny und Alexander“ (1982) oder „Treulose“ (2000), ein Drehbuch von Bergman, das Liv Ullmann inszenierte, zeichnet er sehr stark das Leiden der Kinder. Hier werden Aspekte von „Szenen einer Ehe“ aus einem anderen Blickwinkel gezeigt.

Viele Filmmacher wurden von der Serie beeinflusst – Woody Allen, Richard Linklater, Loriot und viele andere. Was denken Sie, macht die nachhaltige Faszination aus? 

Der schonungslose, neuartige Realismus in der Darstellung der Mysterien der Ehe. In künstlerischer Hinsicht war die Geschichte leicht zugänglich, und behandelte Probleme, die ein großer Teil des Publikums teilen konnte und immer noch kann. „Szenen einer Ehe“ ist eine Liebesgeschichte und ein Scheidungsdrama gleichermaßen. Zudem war die schauspielerische Leistung herausragend, ein Höhepunkt in der insgesamt beachtlichen Karriere von Erland Josephson und Liv Ullmann. Der einzige Makel an der Serie, nach meinem Empfinden, sind die kurzen Szenen von Sex und Gewalt, die Bergman damals noch nicht realistisch genug darstellen konnte. Aber er war fraglos ein Meister darin, intime und emotional aufgeladene Dialogszenen zwischen einem Mann und einer Frau zu zeichnen.

Images/video

Collaborators

  • Ingmar Bergman, Author
  • Thomas Jonigk, Director
  • Michael Isenberg, Adaptation
  • Esther Geremus, Costume
  • Michael Gööck, Light
  • Lars Jung, Actor
  • Hannelore Koch, Actor
  • Nele Rosetz, Actor
  • Torsten Ranft, Actor
  • Mathilde Böttger, Actor
  • Mira Fanny Weinhold, Actor
  • Arthur Leo Weinhold, Actor

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